Ausstellungseröffnung 8.12.1991

Kritik von Carola Buhse

Gleichwohl sind diese Formen und Farben nicht beliebig, sondern fügen sich zu Kompositionen, die, wie schon erwähnt, gefallen sollen durch eine harmonische Anordnung. Die Bilder stellen nicht nur eine private Welt dar, sondern sie sprechen eine allgemeinmenschliche Sprache, d.h. sie drücken etwas aus, an dem der Mensch teilhat: einen gemeinsamen Sinn für das Schöne, Ansprechende. Diesem Ansprechenden kann man sich auch verschließen, indem man nur das als Kunst gelten läßt, was der Wirklichkeit möglichst genau nachgeahmt ist. Zweifellos ist eine künstlerische Fähigkeit in diesem Sinn sehr hochzuschätzen.
Die moderne Kunst will aber etwas völlig anderes. Sie will sich lösen von dem, was uns schon durch die Beobachtung unserer Außenwelt bekannt ist. Meines Vaters Kunstverständnis ist insofern noch geradezu konventionell, daß seine Bilder noch gefallen wollen. Wie aber ist dieses "gefallen" zu verstehen? Ich würde sagen, dieses "Gefallen" ist ein anderes Gefallen als das sich-zurücklehnende Genießen von etwas, das uns behagt, da es uns bekannt ist und uns von daher nicht beunruhigen kann.

Dennoch gibt es auch hier in gewissen Grenzen Objektivität, d.h., man kann auch über diese Bilder etwas Gültiges aussagen. Gelb wirkt anders als blau und zwar auf jeden Menschen, eine zackige Linie anders als eine geschwungene. Farben, Formen und ihre Zusammenstellung lösen Empfindungen verschiedener Art aus, über deren Qualität wir uns oft einigen können. Beim Betrachten solcher Bilder ist man zunächst einmal aufgefordert, auf die Wirkung auf das eigene Empfinden zu achten. In dieser Hinsicht kann das Betrachten solcher Kunstwerke gar zu einem Korrigierenden Gegengewicht zu unserer Alltagspraxis werden, uns einhalten lassen in unserer besinnungslosen Alltagsgeschäftigkeit und uns helfen, uns auf unsere Empfindungen, Gedanken, Meinungen, Bedürfnisse zu besinnen.
(Müßiggang in diesem Sinn kann wieder auf unseren Alltag zurückwirken: wir üben uns in Gelassenheit, wir üben das Hinhören auf die eigene innere Stimme. Die kreative Betrachtung von Kunst kann uns helfen, zu vermeiden, daß wir im Alltag unsere schöpferische Seite, uns selbst in einem ganz existentiellen Sinn, verkümmern lassen).

All dies trifft auch auf die andere Gruppe der Pastellbilder zu, die auch völlig abstrakt sind, aber organische, an Menschliches erinnnernde Formen enthalten. Hier wird die Spannung der Bilder noch einmal erhöht, in dem im scheinbar völlig abstrakten Bild Formen auftauchen, die z.B. an ein Körperteil erinnern. Das Bild durchbricht hier seine eigene Konvention. Es wird von dem abstrakten Prinzip des Nicht-Bezugs auf die uns bekannte äußere Wirklichkeit um eine kaum wahrnehmbare Nuance abgewichen. Der Mensch wird hier explizit zum Gegenstand gemacht, während die bei den anderen abstrakten Bildern der ersten Gruppe nur implizit der Fall ist, indem der Künstler der Schöpfer der auf dem Papier erscheinenden Farben und Formen ist.
Die abstrakten Bilder dieser Gruppen sind nicht so leicht mit der Arbeit anderer Künstler vergleichbar. Sogenannte Einflüsse gibt es kaum. Das ein oder andere Bild verarbeitet kubistische Stilelemente, wie sie v.a. bei George Braque zu finden sind.